Impulse zum Nachlesen

Hier stellen wir wöchentlich kurze geistliche Impulse und Auszüge aus den Predigten der Pfarrer ein, die zum persönlichen Nachlesen gedacht sind. Als Podcast können sie auch angehört werden. Die älteren Impulse findet man im Archiv.

Impuls zu Mt 11, 28-30 (Pfr. Andreas Groll) - 21.06.2020

Jesus spricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: Ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

Früher gab es in den Eisenbahnwaggons Plätze mit Schildern, auf denen stand zu lesen: Für Reisende mit Traglasten. Als Autos noch nicht selbstverständlich waren, musste so manches schwere Gepäckstück eben von Hand mitgeschleppt werden. Da gab es auch wohl öfter mal das Angebot vornehmlich an ältere Herrschaften: Darf ich Ihnen den Koffer die Treppe hinauftragen? Heute erleichtern Rollkoffer und Aufzüge die Sache mit den Traglasten. Reisender mit Traglast: Ich finde, das könnte ein Bild für ein häufiges Lebensgefühl sein. Auf unseren Lebenswegen müssen wir so manche Last schleppen. „Jeder hat sein Päckchen zu tragen“, heißt es ja sprichwörtlich. Und manchmal wird dieser Satz mit einem entsprechend vielsagenden Seufzer verbunden.

Für Traglasten gab es früher ein Hilfsmittel, mit dem man mehr als nur mit der Hand schleppen konnte: Ein Joch. Heute ist es aus der Mode gekommen. Man sieht es noch auf Bildern aus Ländern, wo das Leben nicht so industrialisiert und technisiert ist wie bei uns. Ein Joch ist ein Balken, eine Stange, die über die Schultern gelegt wird. An jeder Seite hängt ein Gefäß mit Steinen, mit Kohlen, mit Erntefrüchten, wer weiß mit was sonst. Das Joch ist ein Hilfsmittel. Es kann das Tragen erleichtern. Last, die Hände und Arme überfordert, wird verteilt. Es kann aber auch ganz gewaltig drücken und quälen, wenn die Last zu schwer wird. Es kann missbraucht werden, die Kräfte auszubeuten. Das Joch hat geholfen, Menschen zu knechten, ihre Kräfte also über Gebühr zu verschleißen. So ist das Joch sprichwörtlich geworden für schweren Lebens- und Arbeitsdruck.

In diesen Zeiten sind die Traglasten des Lebens für viele gewiss schwer. Corona hat viel tatsächliche Last und Mühe, aber auch viel Druck von Angst und Sorge auf die Schultern gelegt. Und hat manche eigentlich schon längst unerträgliche Last sichtbarer gemacht. Wie zum Beispiel ganz aktuell die überharten und auch teils regelverachtenden Bedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Fleischindustrie.

Geknechtet unter dem Joch der Ansprüche, der harten Regeln, der Forderungen, die das Leben noch trostloser machen und viele ausgrenzen: So sieht Jesus die Menschen seiner Zeit leiden. Selbst die Beziehung zu Gott wird noch zum Druckmittel missbraucht. Dabei sollte der Glaube doch gerade das Gegenteil sein. Er sollte den Druck der Traglasten des Lebens erträglicher machen. Er sollte der Seele nicht noch Angst und Schrecken einjagen, sondern gelassen machen. Er sollte beruhigen, Momente des Aufatmens schenken, aufbauen statt niederdrücken. Er sollte nicht die Macht der Privilegierten stärken, sondern die Ohnmacht der Geschwächten beenden. Ja, der Glaube soll Joch sein, aber in seiner ursprünglichen Bedeutung, nämlich, Last leichter zu machen und nicht, noch mehr Last aufzubürden.

Jesus beklagt, wie die religiösen Führer seiner Zeit den Leuten harte Pflichten abverlangen, die Schwächeren herabwürdigen, wie sie Glaube und Macht zu eigenen Vorteilen verbinden. Er sieht auch, wie leicht sich Menschen blenden lassen auf der Suche nach Halt und Orientierung, nach Zugehörigkeit. Er sieht, wie sich Menschen unterwerfen, wenn ihnen Seelenheil versprochen wird.

Von diesem Bedürfnis nach Antworten und Orientierung profitieren lautstarke Anführer auch heute. Einfache Antworten für komplizierte Lebensfragen, Schuldzuweisungen und Schwarz-Weiß-Denken verfangen bei nicht wenigen. Das nutzen Machtmenschen gern aus. Politische Ideologen, Sektenführer, narzisstische Typen, Egomanen verlangen für Sicherheit und Gruppenzugehörigkeit einen hohen Preis. Sie sind nicht sanftmütig und von Herzen demütig, sondern setzen ihre Regeln, verlangen Unterwerfung. Man braucht sich nur Geschichten anzuhören von Menschen, die sich aus politisch radikalen oder sektenhaften Strukturen befreit haben.

Wie anders tritt Jesus auf. Er tritt neben dich, legt seine Hand auf deine Schulter. Ich bin da. Diese Hand lastet nicht schwer. Sie lässt Anteilnahme spüren. Du gehörst dazu. Du musst nichts beweisen. Du musst dich nicht unterwerfen. Jesus lässt Gottes Nähe spüren, seine Liebe. Er lässt die Gebote und Regeln als das erkennen, was sie eigentlich sein sollen: Traghilfen, damit die Lasten des Lebens nicht noch schwerer werden. Jesus lädt ein: Kommt her zu mir alle. Alle ohne Ansehen der Person, der Herkunft. Er stärkt die Persönlichkeit. Starke Persönlichkeiten hängen anderen nicht auch noch eigene Lebenslasten an. Sie wissen: Die eigenen Traglasten auf dem Lebensweg sind bei Jesus gut aufgehoben. Sie spüren: Die Verbindung zur Liebe Gottes macht die Lebenslast leichter tragbar.

Mögen wir es doch selbst wieder und wieder erfahren, damit wir trotz aller Last und Unsicherheit Ruhe für die Seelen finden. Amen.

Es grüßt Sie herzlich, auch im Namen der Kollegen Pfr. Dirk Schinkel und Pfr. Erich Schwager, Ihr Pfr. Andreas Groll