Klartext!

Bekommen Sie noch viel Post? Es ist ja doch weniger geworden im Zeitalter von Emails und WhatsApp. Wenn heute jemand sagt: „Ich schreibe dir“, dürfen wir uns nicht mehr über einen handgeschriebenen Brief freuen, sondern warten auf das kurze Surren unseres Smartphones. Wenn Sie aber Briefe bekommen, welche Briefe bekommen Sie? Sind es Einladungen, Rechnungen oder doch mehrheitlich die „geliebte“ Werbung? Vielleicht sind es auch Urlaubskarten? Oder war schon mal ein Beschwerdebrief dabei?

Ein echter Beschwerdebrief findet sich im letzten Buch der Bibel. Der Apostel Johannes schreibt an eine christliche Gemeinde  sinngemäß: „Ich kenne euch, ihr seid nicht warm und nicht kalt! Man weiß nicht, woran man ist bei euch“ (Offenbarung 3, 14ff). Harsche Worte von Christ zu Christ. Dabei florierte das Gemeinwesen in dieser Stadt mit Namen Laodizea – eigentlich. Man verdiente gut und war recht wohlhabend geworden. Auch den Christen ging es gut – eigentlich.

Und da sind wir beim Thema. Eigentlich läuft auch bei uns alles gut – trotz verschiedener  Krisen, allen voran Corona. Aber trotz hoher Inzidenzzahlen dürfen wir wieder recht viel, der Wirtschaft geht es schon wieder recht gut, der DAX bekommt mächtig Zuwachs in diesen Tagen. Ich bin sicher, solch ein deutlicher Brief würde auch uns heute genauso hart treffen. Eigentlich ist doch alles in Ordnung, denkt man, obwohl man tief im Innern weiß, welche „Baustellen“ es gibt. Die Situation scheint damals ähnlich gewesen zu sein wie heute. „Nicht warm, nicht kalt“ sei die Gemeinde, an die Johannes schreibt. Man weiß nicht so recht, woran man bei ihr ist. Vieles an christlicher Tradition und an kirchlichen Festen ist heute so stark abgeschliffen und banalisiert worden, dass der Kern, den die Kirche so gern selbst das „Eigentliche“ nennt, nicht mehr erkennbar ist. In der Wirtschaft würde man davon sprechen, dass der „Markenkern“ des Unternehmens nicht mehr deutlich ist. Meine Erfahrung ist immer mehr, dass man eher gehört wird, wenn man klar seinen Standpunkt formuliert. Auch im gegenwärtigen Bundestagswahlkampf wäre das gut, wenn Klartext geredet würde. Klartext reden - dies müssen auch die Kirchen im Getümmel der Zeit tun, damit aus Jesu Nachfolgern nicht seine Nachlassverwalter werden. Er, Jesus, hat selbst gesagt: „Eure Rede sei Ja oder Nein“ (Matthäus 5, 37). Das heißt für uns: entschieden eintreten für Frieden und Gerechtigkeit, aber auch zum Glauben aufrufen und Angebote machen, wie Menschen ihren Glauben ernsthaft und mit Freude leben können. Dies gilt vor allem mit Blick auf Kinder und Grafik: PfefferJugendliche. Wir als Kirche müssen jungen Menschen die Botschaft des Evangeliums zeitgemäß vermitteln, damit der Traditionsabbruch in der Kirche bei uns in Deutschland nicht weiter fortschreitet. Der Glaube als Kraftquelle, durch die man selbst Kraft auftanken kann, muss konkret vorgelebt werden. Und daran mangelt es oft. Wir brauchen authentische, das heißt: echte Vorbilder auch im Glauben. Dazu gehört, dass wir tatsächlich unser „Eigentliches“, also unseren Markenkern seit 2000 Jahren, stärken, und das heißt für mich: das Gebet, den Gottesdienst und das Lesen und Kennenlernen der Bibel. Aber ich bin froh, dass Johannes in seinem Beschwerdebrief nicht nur bei seiner Kritik an der Gemeinde stehen bleibt, sondern ihr und damit auch uns etwas sehr Hoffnungsvolles mitgibt: „Jesus spricht: Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und wird die Tür aufmachen, zu dem will ich hineingehen.“ Hören wir also auf das Klopfen unseres Gottes an unserer Tür! Seien wir nicht zuvor schon zu laut und nicht zu vorlaut, damit wir ihn hören und ihn einlassen „in unsere Herzen und Sinne“, um immer wieder unseren Glauben aufzutanken.

Es grüßt Pfarrer Dirk Schinkel aus der Johannesgemeinde

Der folgende Link führt zu einem wunderbaren Lied von Martin Pepper, das auch von der großen Kraftquelle singt, die Gott uns schenkt: Jesus Christus ("Kraft in schweren Zeiten").


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