„Alles bleibt anders“ – Umgehen mit Veränderungen

Wer hätte sich vor ein paar Monaten vorstellen können, dass dort, wo man sonst in den Urlaub abflog, heute tausende von Menschen zum Impfen hingehen. Oder in den Schulen: „Habt ihr noch Präsenz oder schon wieder digital?“ – so hört man Schüler untereinander sprechen. Wer hätte gedacht, dass der größte Stress vor einer Abiklausur die Sorge ist, ob der Coronatest negativ ist und man überhaupt schreiben darf! Veränderungen überall – auch in unserer Sprache: Medizinisches hält Einzug in die Alltagssprache. Was ein „Vakzin“ ist, wusste letztes Jahr eigentlich nur der Mann im weißen Kittel. Und dann die ganzen neuen Wörter, meist aus dem Englischen: Click and Meet, Social Distancing, Lockdown oder Homeoffice. Ja, es hat sich vieles verändert durch und während Corona.

Doch gab es nicht immer Veränderungen? Ein Blick in das eigene Fotoalbum macht doch überdeutlich, dass Veränderungen ein stetiger Lebensbegleiter sind. Schon der antike Philosoph Heraklit beschrieb die stetige Veränderung unserer Lebenswelt mit dem Satz „Es ist unmöglich, zweimal in denselben Fluss zu steigen“. Die ihm zugeschriebene Kurzformel „Panta rei“ („Alles fließt“) bringt es auf den Punkt.

Was ist aber heute anders?  Die Veränderungen früherer Zeit erschienen organischer, natürlicher, verliefen fast unbemerkt und nicht so abrupt wie in der gegenwärtigen Pandemie. Vergleichbares gibt es kaum. Und allen Vergleichen, die wir anführen könnten, würde eines fehlen: das Globale! Die Coronapandemie betrifft alle und jeden Winkel der Erde. Insofern hat dieses Virus nicht nur einen Teil, sondern die ganze Welt verändert. Die Unberechenbarkeit des Virus, seine möglichen weiteren Mutationen, das „Auf und Ab“ der mittlerweile völlig undurchsichtigen politischen Maßnahmen („von Bundesnotbremse“ bis „Modellregion“) machen uns alle müde. Mühsam versuchen wir, uns gegenseitig Hoffnung zuzusprechen – gerade jetzt, wo die Inzidenzen merklich zurückgehen: „Nach Corona holen wir alles nach!“ Ich frage mich: Gib es eigentlich eine „Zeit nach Corona“? Klar, wir meinen damit die Zeit, die kommt, wenn das Virus unter Kontrolle ist, unschädlich gemacht wurde oder gar verschwunden ist. Aber in unserem Bewusstsein bleibt dieses Virus mit seinen Folgen auf jeden Fall. Es prägt sich ein in das kollektive Gedächtnis der Menschen. Und dies ist dann sicherlich so einschneidend wie ein Krieg mit seinen Folgen. Corona hat viele Opfer gefordert. Nachrichtensprecher lesen Todeszahlen mittlerweile wie Lottozahlen vor, aber hinter jeder Zahl steht ein Mensch und ein trauriger Verlust. Seit März 2020 sind in Deutschland fast 90.000 Menschen an oder mit diesem Virus gestorben! Der Blick in andere Länder – wie z.B. Indien – lässt uns noch mehr erschaudern.

Und noch etwas bleibt, auch wenn Corona mal überwunden ist (und das ist etwas Heilsames und Wichtiges!): Gemeinschaft, Nähe, Familie, Freunde, Gottesdienste, Schule, Kultur usw. – im Verlust der Selbstverständlichkeit all dieser Dinge wird uns bewusst, wie wertvoll sie sind!

Veränderungen. Alles bleibt anders? Alles im Fluss! Schaut man in die Bibel, wird diese Erfahrung darin vielfach angesprochen. Veränderung durch Alter wird ebenso genannt wie das Vergehen der Natur und des Menschen: Die Blume, die eben noch blühte, nimmt der Wind hinweg (Psalm 103). Eine Generation vergeht, und die nächste kommt (Prediger 1). Die Frage ist doch: Was bleibt? Die Konstante ist, so heißt es im Hebräerbrief (13, 8): „Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Christus setzt dem „Alles fließt“ eine Grenze. Er ist der Herr über das Gestern, über die Gegenwart und die Zukunft. Es ist fast unbegreiflich, aber es tut gut zu hören, dass es eine Konstante gibt, in die ich als Christ hineingenommen werde, wenn ich mich an Jesus halte. Daran möchte ich glauben bei allem, was ich anfange und beende, bei allem, was ich zurücklasse und was mir begegnet.

Genießen wir den Sommer – bleiben wir aber wachsam und vernünftig.

Und vor allem: Bleiben Sie / bleibt behütet!

Es grüßt herzlich aus der Johannesgemeinde in Rheine

Pfarrer Dirk Schinkel


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